Walter Eucken - Vordenker einer freiheitlichen Ordnung

Prof. Dr. Gerold Blümle / Dr. Nils Goldschmidt, Freiburg

Walter Eucken wurde am 17.1.1891 in Jena als Sohn des Philosophen Rudolf Eucken (1846 - 1926) geboren, der 1908 den Literaturnobelpreis erhielt. Das familiäre Umfeld und die väterliche Philosophie nahmen großen Einfluss auf Walter Euckens Werk. Rudolf Eucken formulierte einen „neuen Idealismus“, wobei er sich insbesondere auf den Philosophen Johann Gottlieb Fichte (1762 - 1814) berief. Euckens Vater ging es um „eine befreiende Erhebung des Geisteslebens über die Natur“. Die Forderung nach einer aktiven Lebenshaltung findet ihren Abschluss in einer neuen Lebensordnung. Dieser ethische Aktivismus und das Denken in idealen Ordnungen sind zentrale Elemente, die Walter Eucken später bei seiner eigenen Lehre der Wirtschaftsordnungen übernimmt.

Wissenschaftlicher Werdegang

Eucken erhielt seine volkswirtschaftliche Ausbildung in Kiel, Jena und Bonn im Umfeld der damals vorherrschenden jüngeren historischen Schule um den auch politisch einflussreichen Berliner Ordinarius Gustav v. Schmoller (1838 - 1917). Sie verfolgte das Ziel, Erkenntnis über die wirtschaftliche Realität anhand geschichtlicher Untersuchungen und empirischer Analysen zu gewinnen. Euckens Mentor war Hermann Schumacher (1868 - 1952), der zunächst in Bonn und ab 1917 in Berlin lehrte. 1913 schloss Eucken sein Studium bei ihm mit einer Dissertation über „Die Verbandsbildung in der Seeschiffahrt“ ab. Seine Habilitation „Die Stickstoffversorgung der Welt“, die er nach seiner Kriegsteilnahme als Frontoffizier (1914 - 1918) im Jahr 1921 bei Schumacher einreichte, war wie seine Dissertation eher eine beschreibende Studie.

Schumacher regte den jungen Eucken aber auch zur Neuformulierung ökonomischer Probleme an. Dabei betonte er die Notwendigkeit, das „angesammelte Material gewissermaßen zu theoretisieren, d.h. in seinen geistigen Zusammenhängen unter Ausscheidung alles Unwesentlichen klarzulegen und so vom Zufälligen und Vergänglichen des Tages zu befreien“ (Schumacher 1911, S. VI). Damit geht es um die Suche nach einem Verfahren, das die ökonomische Analyse von den geschichtlichen Details befreit und zugleich als Raster für die Erfassung der wirtschaftlichen Wirklichkeit dient. Ein Anliegen, das Eucken später mit seinem Konzept der „pointierend hervorhebenden“ oder „isolierenden Abstraktion“ aufgriff und ausformulierte (vgl. Eucken 1934/1954 u. 1940/1989). Diese Methode wurde auch durch die Phänomenologie Edmund Husserls (1859 - 1938) beeinflusst, zu dem er ebenfalls persönliche Beziehungen unterhielt (vgl. Goldschmidt 2002, Kap. 3).

Nach seiner Tätigkeit als Privatdozent an der Berliner Universität und einem kurzen Zwischenspiel als stellvertretender Geschäftsführer der Fachgruppe Textilindustrie nahm Eucken 1925 den Ruf auf den Tübinger Lehrstuhl für Nationalökonomie an. 1927 wechselte er zur Universität Freiburg, an der er bis 1950 lehrte und wo er seinen bekannten Forschungsansatz entwickelte. Am 20. März 1950 erlag Eucken einem Herzanfall, der ihn während einer Vortragsreise zur London School of Economics ereilte.

Die Freiburger Schule

Die Entstehung der Freiburger Schule ist wohl letztlich einem Zufall in den Jahren 1932/33 zuzuschreiben (vgl. Böhm 1957). Ohne sich näher zu kennen, beschäftigten sich Eucken und die Juristen Franz Böhm (1895 - 1977) und Hans Großmann-Doerth (1894 - 1944) gleichzeitig mit dem selben Problem — der Frage der privaten Macht in einer freien Gesellschaft. Großmann-Doerth hatte einen Ruf erhalten und Böhm kam nach Freiburg, um sich dort zu habilitieren. Zwischen den drei Wissenschaftlern entstand bald eine intensive Zusammenarbeit.

Bereits in seiner Habilitationsschrift „Wettbewerb und Monopolkampf“ von 1933 bringt Böhm zum Ausdruck, was später ein Grundzug der Freiburger Schule werden sollte: „Es handelt sich sozusagen um den Versuch, das Lehrgebäude der klassischen Wirtschaftsphilosophie aus der Sprache der Nationalökonomie in die Sprache der Rechtswissenschaft zu übersetzen“ (Böhm 1933, S.IX). Damit leitete er die Diskussion um die Verknüpfung von Wettbewerbs- und Ordnungsfragen ein, die später als Interdependenz der Ordnungen bezeichnet wurde (vgl. Eucken 1952/1990, S. 180 - 184). Böhm betätigte sich nicht nur wissenschaftlich, sondern war nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem auch hessischer Kultusminister, Mitglied des Deutschen Bundestages und Delegationsführer bei den Wiedergutmachungsverhandlungen mit Israel.

Großmann-Doerth setzte sich — beispielhaft für seine Grundhaltung — bei seiner Antrittsvorlesung mit dem Thema „Selbstgeschaffenes Recht der Wirtschaft und staatliches Recht“ auseinander. Er forderte eine staatliche Kontrolle der Allgemeinen Geschäftsbedingungen, um so das problematische Nebeneinander staatlicher und wirtschaftlicher Rechtsordnungen zu beenden. Großmann-Doerth starb 1944 im Russland-Feldzug.

Das Erscheinen des ersten Hefts der von Eucken, Böhm und Großmann-Doerth herausgegeben Schriftenreihe „Ordnung der Wirtschaft“ im Jahr 1937 ist die eigentliche Geburtsstunde der Freiburger Schule. Im Vorwort („Unsere Aufgabe“) betonen die Herausgeber, dass die „Wirtschaftsverfassung als eine Gesamtentscheidung über die Ordnung des nationalen Wirtschaftslebens zu verstehen“ und somit „die Rechtsordnung als Wirtschaftsverfassung zu begreifen und zu formen“ (Böhm/Eucken/Großmann-Doerth 1937, S. XIX) sei. Böhms Abhandlung „Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche und rechtschöpferische Leistung“, der erste Aufsatz der Schriftenreihe, war von fundamentaler Bedeutung für die Entwicklung des Ordoliberalismus: „Denn auch das Recht der freien Marktwirtschaft anerkennt die Freiheit nur im Rahmen der Ordnung. Bei einem Konflikt zwischen Freiheit und Ordnung kommt dem Gesichtspunkt der Ordnung unbedingter Vorrang zu“ (Böhm 1937, S.101 f.). Die Schriftenreihe „Ordnung der Wirtschaft“ fand nach dem Krieg ihre Fortsetzung in dem 1948 erstmals erschienenen Jahrbuch ORDO, das von Böhm und Eucken begründet wurde. Die Kerngruppe Böhm/Eucken/Großmann-Doerth umfasste bald einen weiten Kreis von Schülern und Kollegen, der durchaus die Bezeichnung „Schule“ erlaubt. Dazu zählten insbesondere Constantin v. Dietze (1891 - 1973), K. Paul Hensel (1907 - 1975), Adolf Lampe (1897 - 1948), Friedrich A. Lutz (1901 -1975), Karl Friedrich Maier (1905 - 1993), Fritz W. Meyer (1907 - 1980) und Leonhard Miksch (1901 - 1950).

Nationalsozialismus und Freiburger Kreise

Schon bald nach Hitlers Machtergreifung im Jahr 1933 sollten sich die Gegensätze zwischen den Mitgliedern der Freiburger Schule, insbesondere Walter Eucken, und der nationalsozialistischen Ideologie zeigen, die mit dem damaligen Rektor der Freiburger Universität, dem Philosophen Martin Heidegger (1889 - 1976), eine prominente Führungsfigur gefunden hatte. Eucken avancierte während Heideggers Rektoratszeit mehr und mehr zum Sprecher der Opposition im Universitätssenat. Auch in der Fakultät nahm er den Gegenpart zu den regimefreundlichen Mitgliedern ein. Exemplarisch zeigte sich Euckens Haltung an seiner Vorlesung „Der Kampf der Wissenschaft“, die der Nationalökonom im Sommersemester 1936 anbot. Eucken wollte mit ihr einen „Eindruck von der Kraft, Würde, Bewegtheit echter Wissenschaft geben“, wie er 1936 in einem Brief an Alexander Rüstow (1885 - 1963) schrieb. Euckens Vorlesungen wurden jedoch nicht nur zum Treffpunkt regimekritischer Zeitgenossen, sondern auch von eifrigen Verfechtern der neuen Staatslehre besucht, die gegen Eucken und seine Sichtweise polemisierten.

Der Widerstand einiger Mitglieder der Freiburger Schule institutionaliserte sich dann in den so genannten Freiburger Kreisen. Der erste, das Freiburger Konzil, wurde 1938 von C. v. Dietze und A. Lampe nach der „Reichskristallnacht“ initiiert. Ihm gehörten sowohl Universitätslehrer als auch Vertreter beider Kirchen an. Im Mittelpunkt der Gespräche standen „die Probleme der Obrigkeit, des Widerstandsrechts, der Widerstandspflicht und der Tyrannentötung“ (Dietze 1980, S. 14).

Zu den Freiburger Kreisen zählt auch die Arbeitsgemeinschaft v. Beckerath, obwohl ihr Ursprung nicht in Freiburg liegt. Ausgangspunkt war die „Klasse IV der Akademie für deutsches Recht“ unter dem Vorsitz des Berliner Nationalökonomen Jens Jessen (1895 - 1944). Innerhalb der „Klasse IV“ wurden mehrere Arbeitskreise gebildet, so auch die „Arbeitsgemeinschaft Volkswirtschaftslehre“, die der Bonner Ökonom Erwin v. Beckerath (1889 - 1964) leitete. Die Arbeit der übergeordneten „Arbeitsgemeinschaft Volkswirtschaftslehre“ wurde Anfang März 1943 als „nicht kriegswichtig“ eingestellt. Die Diskussionen wurden aber im privaten Rahmen weitergeführt, wobei Freiburg zum Mittelpunkt der Arbeitsgemeinschaft wurde. Von den Gutachten und Protokollen sind über vierzig erhalten und veröffentlicht worden.

Aufgrund einer Anfrage des Berliner Pfarrers Dietrich Bonhoeffer (1906 - 1945) im Auftrag der „Vorläufigen Leitung der Bekennenden Kirche“ bildete sich 1942 der Freiburger Bonhoeffer-Kreis. Er sollte eine Programmschrift für eine auf christlichen Grundsätzen beruhende Außen- und Innenpolitik erarbeiten, die als Beratungsgrundlage für eine Weltkirchenkonferenz nach dem Krieg gedacht war. Unter dem Titel „Politische Gemeinschaftsordnung“ enthielt sie u.a. eine Abhandlung von Dietze, Eucken und Lampe zur „Wirtschafts- und Sozialordnung“. In ihr wurde bereits viel von dem benannt, was später die Grundideen des ordoliberalen Programms ausmachen sollte (vgl. Dietze/Eucken/Lampe 1979).

Nach dem misslungenen Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 gelangten Teile der Denkschrift in die Hände der Gestapo, woraufhin einige, die an ihr mitgearbeitet hatten, verhaftet wurden — auch wegen ihrer Kenntnis von den Umsturzplänen. Von den Freiburgern waren dies Dietze, Lampe und später auch der Historiker Gerhard Ritter (1888 - 1967). Eucken wurde schweren Verhören ausgesetzt. Dietze, Lampe und Ritter wurden später von den Alliierten in Berlin aus der Haft befreit. Lampe erlag den gesundheitlichen Schäden, die er während der Inhaftierung erlitten hatte.

Freiheit als zentrales Anliegen

Bei der Opposition der Freiburger Schule gegen den Nationalsozialismus ging es immer auch um die Freiheit als Norm wissenschaftlichen Arbeitens und als Schlüsselelement gesellschaftspolitischen Handelns. Warum die Freiburger Schule zu einem Programm der Freiheit wurde, wird durch die historische Rekonstruktion klar: Der drohende Freiheitsverlust im universitären und später auch im alltäglichen Leben wurde zu einem wesentlichen Ansporn, eine Wirtschafts- und Sozialordnung zu entwickeln, die der Macht und dem Zwang trotzen kann.

Literaturempfehlungen:

Böhm, F.: Wettbewerb und Monopolkampf. Eine Untersuchung zur Frage des wirtschaftlichen Kampfrechts und zur Frage der rechtlichen Struktur der geltenden Wirtschaftsordnung. Berlin 1933.

Böhm, F.: Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe und rechtschöpferische Leistung. Stuttgart/Berlin 1937.

Böhm, F./Eucken, W./Großmann-Doerth, H.: Unsere Aufgabe. In: Böhm, F./Eucken, W./Großmann-Doerth, H. (Hrsg.): Ordnung der Wirtschaft. Heft 1. Stuttgart/Berlin 1937, S. VII - XXI.

Böhm, F.: Die Forschungs- und Lehrgemeinschaft zwischen Juristen und Volkswirten an der Universität Freiburg in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts. (Das Recht der Ordnung der Wirtschaft). In: Wolff, H.J.(Hrsg.): Aus der Geschichte der Rechts- und Staatswissenschaften zu Freiburg i. Br. Freiburg 1957, S. 95 - 113.

Dietze, C. v.: Pflicht im Widerstreit der Verpflichtungen. Würzburg 1980.

Dietze, C.v./Eucken, W./Lampe, A.: Anlage 4: Wirtschafts- und Sozialordnung (1942). In: In der Stunde Null. Die Denkschrift des Freiburger „Bonhoeffer-Kreises“: Politische Gemeinschaftsordnung. Ein Versuch zur Selbstbestimmung des christlichen Gewissens in den politischen Nöten unserer Zeit. Tübingen 1979, S. 128 - 145.

Eucken, W.: Kapitaltheoretische Untersuchungen. 2. Aufl., Tübingen/Zürich 1954.

Eucken, W.: Die Grundlagen der Nationalökonomie. 9. Aufl., Berlin et al. 1989.

Eucken, W.: Grundsätze der Wirtschaftspolitik. Herausgegeben von Edith Eucken und K. Paul Hensel. 6. Aufl., Tübingen 1990.

Goldschmidt, N.: Entstehung und Vermächtnis ordoliberalen Denkens. Walter Eucken und die Notwendigkeit einer kulturellen Ökonomik. Münster 2002.

Schumacher, H.: Weltwirtschaftliche Studien. Vorträge und Aufsätze. Leipzig 1911.

Aus: WISU-KOMPAKT, WISU 6/03, 749

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